Wissen steckt in Köpfen

Dr. Eva Douma

 

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Vortrag: "Business as usual? Chancen und Risiken der Ökonomisierung der Sozialwirtschaft"

Dieser Vortrag wurde gehalten am 10. November 2011 auf der Tagung "In der Gesellschaft, Fachkongress der Lebenshilfe" von Dr. Eva Douma

 

Im Folgenden skizziere ich, wie sich die zunehmende Ökonomisierung der Sozialwirtschaft ausgewirkt hat und welche Chancen und Risiken damit einhergehen.

1. Die Trends der sozialen Arbeit

Der erste Trend der sozialen Arbeit: Die Wohlfahrt verwirtschaftlicht. Soziale Arbeit entwickelt sich vom politischen Projekt zum Geschäft.

Wie man anderer Leute Kinder erzieht, wie man mit alten Leuten umgeht, mit psychisch Kranken, Behinderten oder Straffälligen, das war in den 70er und 80er Jahren vor allem eine Frage des politischen Konzepts, eine Frage der Weltanschauung. Wer als Einrichtung politisch überzeugte, bekam seinen Aufwand bezahlt. Es ging um die gute Sache. Der Preis der Leistung war nachrangig. Soziale Arbeit war stark Input-orientiert.

Mit der Einführung der Plfegeversicherung im Jahr 1995 begann ein Trend zur Ökonomisierung der Sozialen Arbeit. Die Entwicklung ging weg vom politischen Konzept hin zur Ökonomie. Was in der Altenpflege anfing, geht auf weitere Bereiche der Sozialen Arbeit über. Aktuell wird gerade die Behindertenhilfe umstrukturiert.

Zunehmende Ökonomisierung der Sozialen Arbeit heißt auch zunehmende Relevanz des Marktmodells: Der Markt wird bestimmt durch Angebot, Nachfrage, Preis.

In der Pflege – der Bereich, der am weitesten fortgeschritten ist in der Ökonomisierung – hat sich das Angebot stark ausdifferenziert. Es gibt die private Einzelperson, die niedrigschwellige Dienstleistungen vom Einkauf bis zum Putzen für kleines Geld anbietet. Nebenbei erledigt sie auch noch die Körperpflege. Das Luxusstift bietet jeden Tag ein Leben auf Hotelniveau - für die, die es sich leisten können.

Der Anbietermarkt hat sich stark umstrukturiert. In der Pflege sind kommunale Anbieter weitgehend verschwunden. Manche Einrichtung der Wohlfahrt geriet unter Druck. Private Dienste gewannen am Markt. Die Marseille-Kliniken – börsennotiert - sind heute ein großer Anbieter im Pflegeheimgeschäft. Die Einrichtungen müssen schwarze Zahlen schreiben und tun es.

Das geht, wenn die Leistungserbringung optimiert ist. Die Einführung von Qualitäts- und Prozessmanagement, der Aufbau eines Controllings oder die Durchführung von Mitarbeitergesprächen und Zielvereinbarungen - das ist in der Sozialwirtschaft mittlerweile ebenso gängig wie in der Privatwirtschaft. Aus dem BAT wurde ein TVÖD – was zu Gehaltseinbußen bis zu 30 Prozent führte.

Bei der Nachfrage gilt der Grundsatz: Geiz ist geil. Allinclusive zum Schnäppchenpreis. Soziale Leistungen werden heute durch Kommunen wie der Bau eines Abwasserkanals ausgeschrieben. Leistungsverträge regeln, welche Leistungen erbracht werden. Wie dies im Detail erreicht wird, ist der unternehmerischen Freiheit der Auftragnehmer überlassen. Eine soziale Einrichtung, die Tariflöhne zahlt, ist selbst schuld. Öffentliche Aufträge werden heute selten nach moralischen Kriterien vergeben. Entscheidend ist, "was hinten raus kommt". Wieviel Stück Kinder, Alte, Kranke werden zu welchem Preis betreut?

Soziale Arbeit entwickelte sich zu einem Business. Gemacht wird, wofür es Geld gibt. Was sich nicht rechnet, wird geschlossen. Nicht nur die AWO und das DRK zogen sich aus ganzen Bereichen der Sozialen Arbeit zurück. Aus weltanschaulichen Verbänden wurden unternehmerisch agierende Dienstleister. Die Soziale Arbeit wurde entideologisiert. Die Profile zwischen den Anbietern verwischen.

Der zweite Trend: Die Privatwirtschaft entdeckt die Soziale Arbeit.

CSR - Corporate Social Responsibility oder unternehmerische soziale Verantwortung - gewinnt an Bedeutung. Banker verteilen einen Tag lang Suppe an Obdachlose. Eine IT-Firma unterstützt mit ihrem technischen Support die Polizei bei der Verfolgung von Kinderpornographie im Internet. Ein mulitnationaler Konzern gibt Geld zur Förderung der AIDS-Hilfe.

Kunden belohnen zunehmend ethisch und ökologisch saubere Unternehmensaktivitäten. CSR-Engagement spielt für die Klassifizierung der Unternehmen durch internationale Ratingagenturen eine wachsende Rolle. Hinzu kommt, dass es dem Unternehmen nützt, die soziale Infrastruktur soweit zu erhalten, dass der Markt noch funktioniert. Aidsprojekte in Afrika sorgen dafür, dass auch morgen noch Menschen leben, die meine Ware kaufen und für mich arbeiten können. Fazit: Die Bereiche Privatwirtschaft und Sozialwirtschaft gleichen sich scheinbar an.

 

2. Risiken und Chancen der Ökonomisierung.

Ich komme zu den Risiken und Chancen der Ökonomisierung für die Sozialwirtschaft, die ich in fünf Thesen zusammenfassen möchte:

1. These: Die Verbetriebswirtschaftlichung der Sozialen Arbeit birgt die Gefahr, dass sich das Spezifische der Branche Sozialwirtschaft auflöst.

Soziale Arbeit als Business schließt eine gute soziale Dienstleistung nicht per se aus. Das hat die Pflege gezeigt. Für alle Bedürfnisse gibt es ein Angebot – zumindest in den Ballungsräumen. Angeboten von privaten Diensten ebenso wie von gemeinnützigen Einrichtungen. Die sozialwirtschaftlichen Unternehmen agieren nicht mehr anders als die "echte" Privatwirtschaft. Damit fehlt dann allerdings der USP - Unique Selling Point -, das Alleinstellungsmerkmal.

2. These: Ein weiteres Risiko der Ökonomisierung besteht darin, dass Soziale Arbeit nicht mehr für diejenigen gemacht wird, die sie wirklich brauchen.

Wenn eine überschuldete, alleinerziehende 21-Jährige mit vier Kindern, aber ohne Schulabschluss beim Hartz-IV-Berater auftaucht, dann hat, wer hier im Nachhinein korrigieren will, einen erheblichen Aufwand:

Schuldnerberatung, Alphabetisierung, Strukturierung des Alltags. Der (spätere) Erfolg der ergriffenen Maßnahmen ist jedoch sehr ungewiss.

Wer hingegen in Arbeitsamtskursen Menschen bildet, die keine Bildung brauchen, weil sie schon alles können, der kann 100 Prozent Vermittlungserfolg nachweisen. Die Agentur für Arbeit freut sich, dass es vorangeht. Der Bildungsanbieter bekommt den nächsten Auftrag und relativ viel Geld für wenig Aufwand. Auf der Strecke bleiben die, für die die Maßnahmen mal gedacht waren.

Ist die Ökonomisierung an der Krise der Sozialwirtschaft schuld?

Wirtschaft ist weder gut noch böse. Ökonomisches Denken ist eine Technik. Ein Werkzeug. Mit einem Hammer kann ich einen Nagel in die Wand schlagen oder meinem Nächsten auf den Kopf und ihn damit umbringen.

Das Werkzeug Ökonomisches Denken kann Klarheit schaffen. Was tue ich, was ist mein Aufwand, was ist das Ergebnis, was ist der Nutzen für wen? Das sind Fragen, die stellt, wer ökonomisch denkt. Will ich soziale Arbeit für diejenigen machen, die es am nötigsten haben, die sich nicht wehren können und keine Alternative haben? Ist die Bildungsarbeit für die alleinerziehende Mutter erfolgreich, wenn sie einen Job bekommt, weil gerade Wirtschaftsaufschwung ist? Oder ist die Bildungsarbeit erfolgreich, wenn die Mutter in der Maßnahme wirklich etwas gelernt hat? Aber leider immer noch arbeitslos ist, weil gerade niemand eingestellt wird? Weil Rezession ist? Was messe ich? Von wo aus messe ich? Da, wo die Frau vorher stand oder wo sie heute steht? Was kann ich beeinflussen? Welche Kausalitäten bestehen?

Schauen wir auf die Chancen, die die Ökonomisierung für die Sozialwirtschaft bietet.

Dazu die 3. These: Die Ökonomisierung der Gesellschaft sorgt für einen wachsenden Bedarf an sozialer Arbeit.

Die Ökonomisierung erfasste nicht nur die Soziale Arbeit, sondern viele gesellschaftliche Bereiche. Auch Privatunternehmen sind heute anders strukturiert als noch vor 30 Jahren. Schonarbeitsplätze – beispielsweise als Pförtner oder Fahrer - gab es vor 30 Jahren in jedem größeren Betrieb. Ohne dass das so hieß oder dass es dafür öffentliches Geld gab. Das ist heute anders. Die Anforderungen an die Mitarbeiter/innen steigen. Burn-out ist da nur ein Schlagwort. Die Ökonomisierung der Gesellschaft schafft Arbeit ohne Ende für den Reparaturbetrieb der Gesellschaft.

4. These: Verantwortungsvoll zu handeln ist möglich durch ökonomisches Handeln.

Klare Zuständigkeiten und klare Entscheidungen sollten meines Erachtens in jedem Betrieb selbstverständlich sein. Wer soll bis wann mit welcher Kompetenz welche Aufgabe erfüllen? Wie soll das Ergebnis aussehen? Wie wird das gemessen? Stehen die für die Aufgabenerfüllung notwendigen Ressourcen zur Verfügung? Wer muss dafür sorgen? Insoweit schafft Ökonomisierung Struktur und Transparenz. Das schadet niemandem. Auch der Sozialwirtschaft nicht.

Es schadet nicht, wenn ein Banker im Rahmen eines CSR-Projektes mal eine Kita renoviert. Aber "echte" Wirtschaftsunternehmen wollen und sollen Geld verdienen. Das ist letztendlich ihr Unternehmenszweck. In der Wirtschaftskrise 2008/2009 wurden die CSR-Projekte ganz schnell zusammengekürzt.

Soziale Arbeit, die erfolgreich sein will, ist eine langfristige Investition. Da kann ich nicht in Quartalszahlen denken. Heute haben viele börsennotierte Unternehmen einen Planungshorizont von 2 bis 3 Jahren. 5 Jahre sind da schon eine Ewigkeit. Soziale Arbeit muss in 10-, 20-, 30-Jahreszyklen denken. Erst dann ist der Erfolg der Maßnahme spürbar, messbar. Die Babyboomer, die aktuell das Geschehen in diesem Land bestimmen, sind die am besten ausgebildete Generation. Das haben sie der Bildungsoffensive der 70er Jahre zu verdanken. Die, die das seinerzeit organisiert haben, sind schon lange in Rente oder tot.

Soziale Arbeit ist das, was eine demokratische Gesellschaft zusammen hält. Sie schafft die Voraussetzungen und Grundlagen dafür, dass Banker in Ruhe ihren Geschäften nachgehen und Mittelschichtsmütter ihren Latte Macchiato im Stadtpark genießen können. Das sozialarbeiterische Bespielprogramm sorgt dafür, dass virile Jungs später brave Familienväter werden, die Autos kaufen statt abzufackeln. Dafür braucht man allerdings kontinuierliche, langfristige Jugendarbeit. Da hilft kein mobiler Sozialarbeiter, der Feuerwehr spielt und nach einem Jahr wieder verschwunden ist.

Sozialwirtschaftliche Unternehmen legitimieren sich, indem sie sich um die Kernklientel der Sozialen Arbeit kümmern – unabhängig von Konjunkturzyklen. Das stärkt den USP der Sozialwirtschaft.

Meine letzte und 5. These: Die ökonomisierte Sozialwirtschaft kann Entscheidungsalternativen deutlich machen.

Die ökonomisierte Sozialwirtschaft kann die Konsequenzen des Handelns und des Nichthandelns aufzeigen. Sie kann Prognosen darüber abgeben, ob abgefackelte Autos auch bei uns alltäglich werden.

Die ökonomisierte Sozialwirtschaft hat die fachliche Kompetenz. Sie kann sagen, was wie gehen kann in unserer Gesellschaft, Sie sollte auch sagen, was passiert, wenn nichts passiert.

Die Politik – also wir alle – entscheiden, was wir kaufen und zu welchem Preis.




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